Semi-liquide Fonds — oft „Evergreen-Fonds“ genannt — sind Private-Markets-Fonds ohne feste Laufzeit, die Anteile laufend zum Nettoinventarwert (NAV) ausgeben und zu festen Terminen begrenzt zurücknehmen: typischerweise quartalsweise, gedeckelt durch ein Gate von rund 5 % des Fondsvermögens. Anders als beim geschlossenen Fonds ist das Geld sofort voll investiert; anders als beim ETF ist der Ausstieg planbar, aber nicht garantiert. In Europa treten sie vor allem als ELTIF nach Verordnung (EU) 2023/606 oder als offener AIF auf — Ende 2025 zählte Scope 268 registrierte ELTIFs mit 34,0 Mrd. € erfasstem Volumen, weltweit verwaltet das Segment knapp 600 Mrd. US-$ (Stand März 2026).
97 von 140 erfassten Fonds — gut zwei Drittel — nehmen quartalsweise zurück, 27 monatlich.
n = 140 · berechnet aus unserer Fondsdatenbank · Stand: Okt. 2026
An der Börse notiert nur ein kleiner Ausschnitt der Wirtschaft. Der Maschinenbauer aus dem Mittelstand, der Windpark, das Glasfasernetz, die Arztpraxen-Kette — die allermeisten Unternehmen und Projekte sind nicht börsennotiert. Dort investieren „Private Markets“: als Beteiligung (Private Equity), als Kredit (Private Credit) oder in Sachwerte wie Infrastruktur und Immobilien. Das Gegenstück sind „Public Markets“: Aktien und Anleihen, jederzeit handelbar.
Am schnellsten verstehst du „semi-liquide“ im Vergleich mit dem, was du kennst:
| ETF / offener Fonds | Semi-liquider Fonds | Geschlossener Fonds | |
|---|---|---|---|
| Verkauf möglich | jederzeit, börsentäglich | zu festen Terminen, begrenzt | praktisch gar nicht |
| Preis | laufender Börsenkurs | regelmäßig festgestellter NAV | Bewertung, selten |
| Einstieg | ab wenigen Euro | oft ab 1–10.000 €, einmalige Zahlung | hohe Summen, Kapitalabrufe über Jahre |
| Laufzeit | unbegrenzt | unbegrenzt („Evergreen“) | fest, meist 10+ Jahre |
| Anlagen | börsennotiert | nicht börsennotiert (Private Markets) | |
Für wen das nichts ist: für den Notgroschen und für Geld mit Abrufdatum (Hauskauf, Studium). Diese Fonds gehören ans lange Ende des Portfolios — Anlagehorizont ab etwa fünf Jahren, als Beimischung, nicht als Basis.
Die Idee ist nicht neu — der erste Anlauf ist nur gescheitert. Den ELTIF („European Long-Term Investment Fund“) gibt es als EU-Rechtsrahmen seit 2015. Doch die erste Fassung hatte Hürden, die kaum jemand nehmen wollte: mindestens 10.000 € Einstieg, höchstens 10 % des Finanzvermögens für Anleger mit weniger als 500.000 €, ein enges Korsett bei den erlaubten Anlagen. Die Bilanz Ende 2021, sechs Jahre nach dem Start: 54 Produkte mit rund 7 Mrd. € — europaweit (Scope, ELTIF-Studie 2023).
Der Neustart kam mit ELTIF 2.0, der Verordnung (EU) 2023/606, die seit dem 10. Januar 2024 gilt. Sie hat Mindestanlage und 10-%-Vermögensgrenze ersatzlos gestrichen; statt einer eigenen Zugangsprüfung gilt die normale Geeignetheitsprüfung nach MiFID II. Der Anlagerahmen wurde praxistauglicher (mindestens 55 % statt 70 % in langfristige Anlagen, Dachfonds-Strukturen erlaubt) — und vor allem erkennt die Verordnung offene, semi-liquide ELTIFs mit geregelten Rücknahmen ausdrücklich an. Die technischen Detailregeln folgten im Oktober 2024 als Delegierte Verordnung (EU) 2024/2759 (EUR-Lex).
Die zweite Kraft ist ökonomisch, die Branche nennt sie „Retailisierung“: Pensionskassen und andere Institutionelle haben ihre Private-Markets-Quoten weitgehend gefüllt, Privatvermögen ist der größte noch kaum erschlossene Kapitaltopf. Große Manager bauten deshalb Strukturen, die zu Depotbanken, Sparplänen und kleineren Tickets passen.
Beides zusammen hat den Markt in kurzer Zeit vervielfacht: Die 34,0 Mrd. € der 198 Fonds mit gemeldetem Volumen (Ende 2025) bedeuten ein Plus von 54,7 % in einem Jahr; allein 2025 kamen 113 neue Produkte dazu, rund drei Viertel aller 268 ELTIFs stehen Privatanlegern offen (Scope ELTIF-Studie 2026). Die knapp 600 Mrd. US-$ weltweit — Schwerpunkt USA — sind mehr als doppelt so viel wie 2022 (Morningstar, „The State of Semiliquid Funds 2026“). Jung ist der Markt trotzdem: Die meisten Fonds haben noch keinen vollen Marktzyklus hinter sich, und 2025 kamen die ersten Belastungsproben — der Immobilien-ELTIF Greenman OPEN setzte im Dezember 2025 Rücknahmen vorübergehend aus, der Altaroc Horizon 2024 wird abgewickelt (Scope, 2026). Das Wachstum ist belegt — die Bewährungsprobe läuft noch.
„Semi-liquide“ beschreibt die Mechanik, nicht die Rechtsform — und an der hängen Anlegerschutz und Zugang. Drei Kleider dominieren in Europa. Der ELTIF ist das einzige Private-Markets-Vehikel mit EU-weitem Vertriebspass für Privatanleger; seine Rücknahmeregeln sind seit 2024 europäisch harmonisiert. Der Luxemburger Teil-II-Fonds (Part II UCI) ist ein regulierter offener AIF, den viele große Häuser für ihre Evergreen-Strategien nutzen — flexibler als der ELTIF, aber je Land mit eigener Vertriebszulassung und oft für vermögendere oder semi-professionelle Anleger. Der deutsche offene Immobilienfonds ist die älteste semi-liquide Struktur und mit gesetzlich fixierten 24 Monaten Mindesthaltedauer und 12 Monaten Kündigungsfrist strenger als die meisten ELTIFs (Kapitel Immobilien). US-Vehikel wie Interval Funds oder nicht börsennotierte BDCs funktionieren ähnlich, sind für europäische Anleger aber in der Regel nicht zugänglich — Vergleichsmaßstab, nicht Kaufoption. Gleiches Etikett „semi-liquid“, unterschiedliche Regeln: Welcher Rahmen gilt, steht auf jeder unserer Fonds-Detailseiten.
Die Rückgabemöglichkeit ist keine Gratisbeigabe — sie wird an drei Stellen bezahlt, und alle drei stehen im Prospekt.
Der Liquiditätspuffer kostet Rendite („Cash Drag“). Der Fonds hält einen Teil des Vermögens in Kasse, Geldmarktanlagen oder börsennotierten Titeln. Die ELTIF-Detailregeln koppeln diesen Puffer an die Rückgabebedingungen — wer häufig zurücknimmt und kurz kündigen lässt, muss mehr liquide Mittel vorhalten: In einer der beiden Kalibrierungsoptionen der RTS setzt eine monatliche Rücknahme mindestens 25 % liquide Anlagen voraus (Del. VO (EU) 2024/2759, Anhang II; die ganze Staffel im Kapitel Liquiditäts-Werkzeuge). Werden 15 % des Fonds zu Geldmarktkonditionen verzinst und arbeiten nur 85 % in Private-Markets-Anlagen, verwässert jeder Renditepunkt Unterschied zwischen beiden Töpfen das Gesamtergebnis. Flexibilität und volle Marktrendite gibt es nicht gleichzeitig.
Die Gebührenbasis. Beim geschlossenen Fonds fällt die Verwaltungsgebühr zunächst auf das zugesagte Kapital an, beim semi-liquiden laufend auf den NAV — von Tag eins auf dein gesamtes eingezahltes Geld, Liquiditätspuffer inklusive. Das ist ehrlicher, als es klingt (du zahlst auf das, was du investiert hast), aber nicht billig: Morningstar beziffert die durchschnittliche laufende Kostenquote semi-liquider Fonds auf rund 3 % pro Jahr, Erfolgsgebühren noch nicht voll eingerechnet (Morningstar, 2026).
Du kaufst ein Bestandsportfolio zum Schätzwert. Beim Einstieg übernimmst du anteilig alles, was der Fonds bereits hält — zum festgestellten NAV, ohne Abschlag und ohne Verhandlungsspielraum. Ob dieser NAV den Marktwert gerade gut trifft, weißt du erst später (siehe Bewertung & NAV). Und Neugeld muss der Manager erst investieren: Fließt mehr zu, als die Pipeline hergibt, parkt es im Puffer und verdünnt die Rendite weiter. Deployment-Disziplin ist bei Evergreens eine Daueraufgabe, kein einmaliger Kraftakt.
Weist ein geschlossener Fonds „20 % Rendite“ aus und ein Evergreen „11 %“, messen beide Zahlen Verschiedenes. Geschlossene Fonds rechnen mit dem IRR (interner Zinsfuß): Er verzinst nur das gerade abgerufene Kapital, solange es im Fonds arbeitet — oft wartet bis zur Hälfte der Zusage unabgerufen auf deinem Konto. Ein Evergreen weist eine Zeitrendite auf dein voll investiertes Geld aus. Partners Group rechnet vor: 20 % Netto-IRR machen aus einer Zusage über zehn Jahre etwa das 2,8-Fache. Dasselbe erreicht ein Evergreen mit rund 11 % pro Jahr, weil jeder Euro vom ersten Tag an arbeitet und Rückflüsse automatisch reinvestiert werden (Partners Group, „Accessing private markets: Evergreen funds“, 2024; Anbieterquelle). Der ehrliche Maßstab ist deshalb: Was wird aus einem Euro über denselben Zeitraum? Der Evergreen überspringt zudem die J-Kurve, die Anlaufverluste geschlossener Fonds — trägt dafür aber dauerhaft die oben beschriebenen Kosten, und nach Kosten dürften laut Morningstar nur wenige semi-liquide Fonds ihre Vergleichsmaßstäbe schlagen (Morningstar, 2026). Welcher Weg mehr übrig lässt, hängt also davon ab, ob du Kapitalabrufe stemmen kannst — und was nicht abgerufenes Kapital in der Wartezeit verdient. Mehr zu IRR, zeitgewichteter Rendite und Multiples im Kapitel Evergreen-Performance.
Die Illiquiditätsprämie differenziert betrachten. Ihre Höhe hängt von Zeitraum, Segment und Messmethode ab; zum historischen Mehrertrag tragen neben der Kapitalbindung auch Leverage, Unternehmensgröße und Managerselektion bei. Gerade deshalb lohnt der Blick auf Strategie und Track Record des einzelnen Fonds.
Bewertungsglättung verzerrt Kennzahlen. NAV-Reihen beruhen auf träge angepassten Schätzungen; ausgewiesene Volatilität und Aktienkorrelation fallen niedriger aus als die ökonomische Schwankung. Wer Allokationen modelliert, ent-glättet oder ergänzt börsennotierte Vergleichsgrößen — dann trägt der Diversifikationseffekt auch im Modell. Und du handelst, bei Kauf wie Rückgabe, zum Bewertungsstand, der Marktbewegungen in beide Richtungen verzögert abbilden kann (siehe Bewertung & NAV).
Evergreen ersetzt die Vintage-Diversifikation nicht vollständig. Klassisch streut man über Auflagejahrgänge; ein Evergreen ist sofort voll investiert — in ein Bestandsportfolio, dessen Bewertung deinen Einstiegs-NAV bestimmt.
Positionsgröße mit Blick aufs Gesamtdepot wählen. Rebalancing ist seltener möglich als bei börsennotierten Anlagen; fallen liquide Positionen im Depot, steigt der Private-Markets-Anteil rechnerisch mit (Denominator-Effekt). Wer das einplant, wird nicht überrascht.
Der Werkzeugkasten ist größer als das Gate. Prospekte kombinieren Rücknahmefrequenz, Kündigungsfrist, Lock-up, Rücknahmeabschlag, Swing Pricing, Side Pockets und Aussetzung — dazu Kreditlinien und die Verrechnung neuer Zeichnungen gegen Rückgaben. Lesenswert ist, in welcher Reihenfolge und mit welchem Ermessen sie eingesetzt werden dürfen; genau dort unterscheiden sich die Fonds (Liquiditäts-Werkzeuge im Detail).
Der Mechanismus hat seinen Praxistest hinter sich. Der US-Immobilienfonds BREIT hat Rückgaben ab Ende 2022 über Monate anteilig bedient — genau so, wie es die Fondsdokumente vorsehen: als geordneter Schutz für alle Anleger statt eines Wettlaufs um den Ausstieg (Fall BREIT im Gating-Kapitel).
Vier Kennzahlen, die ein Evergreen-Factsheet erst lesbar machen. Die Netto-Exposure-Quote: Welcher Anteil des NAV steckt in Private-Markets-Anlagen (Look-through, inkl. unwiderruflicher Zusagen), welcher im Liquiditätssleeve? Zwei Fonds mit identischer Strategie und 10 vs. 25 % Sleeve sind unterschiedliche Produkte. Der Sleeve-Anteil im Verhältnis zu den Rücknahmebedingungen: Die ELTIF-RTS (Del. VO (EU) 2024/2759, Anhänge I/II) verknüpfen Rücknahmefrequenz, Kündigungsfrist und Mindestliquidität in Tabellenform — daran lässt sich prüfen, ob ein Fonds seine Rücknahmezusage strukturell decken kann oder auf Zuflüsse angewiesen ist. Kündigungsfristen unter drei Monaten muss der Manager gegenüber der Aufsicht begründen (Art. 5 Abs. 8). Die Fee-Basis: Management Fee auf NAV (inkl. Sleeve) plus Performance Fee — entscheidend sind Hurdle, High-Water-Mark und ob die Performance Fee auf realisierte oder unrealisierte Wertzuwächse anfällt; Letzteres vergütet auch bloße Bewertungserfolge. Die Deployment-Mechanik: Wie schnell wird Neugeld investiert (Ramp-up-Historie), gibt es Zeichnungswarteschlangen, wie werden Zeichnungen gegen Rückgaben verrechnet — bis hin zu Matching-Mechanismen, die Anteile zwischen aus- und einsteigenden Anlegern übertragen —, und veröffentlicht der Fonds die Ausführungsquote je Rücknahmetermin?
Typische Fehlinterpretationen. Junge Evergreen-Track-Records überinterpretieren: Viele Vehikel starteten mit kleinem, handverlesenem Seed-Portfolio; die ersten Jahre sind selten repräsentativ. Und die Morningstar-Befunde ignorieren: 2025 erhielten nur 4 von 19 gerateten semi-liquiden Fonds ein Medalist-Rating „Bronze“ oder „Silber“, und nur 16 % der befragten Berater bezeichneten sich als sehr vertraut mit der Struktur — Produktkenntnis ist ein echter Engpass (Morningstar, 2026). Zur Vertiefung: Zeisberger/Prahl/White („Mastering Private Equity“, Wiley 2017), Phalippou („Private Equity Laid Bare“) und Ilmanen („Investing Amid Low Expected Returns“, 2022).
Ein Fonds für nicht börsennotierte Anlagen (Private Equity, Private Credit, Infrastruktur, Immobilien) ohne feste Laufzeit, der Anteile regelmäßig zum NAV ausgibt und zu festen Terminen begrenzt zurücknimmt — zwischen ETF (jederzeit handelbar) und geschlossenem Fonds (kein Ausstieg über 10+ Jahre). Typisch: quartalsweise Rücknahmen mit Kündigungsfrist und ein Gate von rund 5 % je Termin.
ELTIFs sind reguliert (EU-Verordnung, Verwahrstelle, Aufsicht) — das schützt vor Betrug, nicht vor Verlusten. Die Anlagen können an Wert verlieren, der NAV ist eine Schätzung, und in Stressphasen kann die Rücknahme gedeckelt oder ausgesetzt werden — 2025 bei einzelnen Produkten in Europa geschehen (Scope, 2026). Die richtige Frage ist nicht „sicher?“, sondern: Passen Kapitalbindung und Schwankungsrisiko zu dir?
Im Normalfall liegen je nach Fonds mehrere Wochen bis rund ein halbes Jahr zwischen Kündigung und Auszahlung (Kündigungsfrist plus Rücknahmetermin). Wollen zu viele gleichzeitig raus, greift das Gate, und die Auszahlung streckt sich über mehrere Termine. Einen garantierten Auszahlungszeitpunkt gibt es nicht.
„Evergreen“ beschreibt die Struktur (unbegrenzte Laufzeit, laufende Zeichnung und Rücknahme), „ELTIF“ einen EU-Rechtsrahmen. Viele ELTIFs sind Evergreens, aber nicht alle — und viele Evergreens sind keine ELTIFs, sondern z. B. Luxemburger Teil-II-Fonds. Nur der ELTIF hat einen EU-weiten Vertriebspass für Privatanleger.
Deutlich mehr als ein ETF: eine Verwaltungsgebühr auf den NAV plus oft eine Erfolgsgebühr — im Segmentschnitt rund 3 % p. a. laufende Kosten, Erfolgsgebühren nicht voll eingerechnet (Morningstar, Stand 2026). Je nach Vertriebsweg kommen Ausgabeaufschläge dazu; die Kosten je Fonds stehen in unserer Datenbank.
Dann greift das Gate: Rückgabeaufträge werden nur bis zur Obergrenze ausgeführt, meist anteilig gekürzt; der Rest wandert in den nächsten Termin oder muss neu eingereicht werden. Im Extremfall wird die Rücknahme ganz ausgesetzt. Das Gate ist der eingebaute Schutz der verbleibenden Anleger (Details im Gating-Kapitel).
Zuletzt geprüft: 16.10.2026 · Methodik · Keine Anlageberatung.